50. Andechser Europatag
Unter dem Titel "Staat, Politik und die Wiedergeburt des Religiösen" wurde der 50. Europatag der Paneuropa-Union Deutschland gehalten.
Der Christliche Europatag im oberbayerischen Kloster Andechs fand am 13./14. Oktober 2018 mit fast 200 Teilnehmern aus 17 Nationen statt.
Die Tagung war von Referaten über die Geschichte des Christentums in Europa sowie über die verschiedenen großen Weltreligionen geprägt.
Im Zeichen des 100-Jubiläums des Endes des Ersten Welkriegs befassten sich die Tagungsdebatten mit einem der umstrittensten Gegenwartsthemen. Es ging um das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Politik, Glaube und Ideologie, Kirche und Staat.
„Tyrannei braucht keinen Glauben, Demokratie schon“
Für eine stärkere Rolle von Kirchen und Religionsgemeinschaften in Staat und Gesellschaft hat sich der CSU-Europapolitiker Bernd Posselt ausgesprochen. Vor allem Nächstenliebe und Freiheit als die beiden Kernelemente des Christentums seien für ein demokratisches Europa unverzichtbar, so Posselt beim 50. Andechser Europatag der überparteilichen Paneuropa-Union Deutschland, deren Präsident er ist. Schon der große Liberale Alexis de Tocqueville habe im 19. Jahrhundert mit dem Satz „Tyrannei braucht keinen Glauben, Demokratie schon“ deutlich gemacht, daß eine freiheitliche Ordnung ohne Wertefundament nicht funktioniert. „Im Vakuum machen sich dann totalitäre Ideologien, der Götze des Nationalismus oder auch eine angeblich menschenfreundliche ‚Zivilreligion’ breit, die dem Menschen vorschreibt, was er zu essen, zu trinken oder wieviel er zu schlafen hat, und die schließlich in einer Verbotsgesellschaft mündet.“ Posselt wandte sich in diesem Zusammenhang gegen jede Aushöhlung des christlichen Religionsunterrichtes, plädierte aber gleichzeitig für mehr Islamkunde und eine bessere Kenntnis aller wichtigen Glaubensrichtungen: „Wir Christen müssen uns als schöpferische Minderheiten in eine immer heterogenere Welt einbringen und dürfen uns nicht ins Ghetto drängen lassen oder gar freiwillig in dieses gehen.“ In Anlehnung an Papst Franziskus rief er aus: „Was wir brauchen, ist Dialog, Dialog und wieder Dialog, auch wenn es uns vielleicht manchmal zum Hals heraushängt.“
Der kroatische Indologe Prof. Mislav Ježić führte in das Gedankengut des Hinduismus und des Buddhismus ein. Er stellte die Frage nach der Rolle der Religionen in der heutigen Zeit. Vielfach werde die irrtümliche Ansicht vertreten,“daß sich die Religiosität verliert – aber das sieht man nur in Europa, und auch da ist es nicht das Ende der Entwicklung.“ Nur 16 Prozent der Weltbevölkerung erklärten sich als Nichtgläubige, also gebe es 84 Prozent Gläubige: „Wie kann man Humanist sein wollen und einen so großen Prozentsatz der Menschheit mißachten?“ Die Christen seien ein Drittel und damit die stärkste Gruppe, „doch wir müssen uns dessen bewußt sein und respektieren, daß zwei Drittel anders glauben. 21 Prozent sind Muslime, 14 Prozent Hinduisten und etwa 6 Prozent Buddhisten - wobei auch das Judentum mit seinen nur wenigen Angehörigen eine kulturell bedeutende Rolle spielt.“ Zwei Weltregionen hätten die wichtigsten Religionen – der Paneuropa-Gründer Richard Graf Coudenhove-Kalergi würde sagen, das Ideal des Heiligen – hervorgebracht: der Nahe Osten und der indische Subkontinent. Diese seien wiederum kulturell miteinander verbunden. So seien die arabischen Zahlen, die wir übernommen hätten, eigentlich indische. Ježić beschrieb die Kraft asiatischer Glaubensrichtungen im 21. Jahrhundert. Mit Millionen von Pilgern seien die Hindus die größten Wallfahrer. Der gewaltlose Widerstand Mahatma Gandhis gegen die Unterdrückung sei Vorbild für den kroatischen Freiheitskämpfer Stjepan Radić und den amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King gewesen. „Radić wurde 1928, Gandhi 1948 und King 1968 ermordet, aber alle drei haben die Welt besser gemacht.“ Jede der großen Religionen besitze dieses Friedenspotential, „wenn sie sich nicht verschließt und nicht mißbräuchlich verwendet wird.“ Der interreligiöse Dialog ermögliche, daß „man sich durch das Hören der Gedanken anderer geistig bereichert, sodaß etwa wir dadurch bessere Christen werden können.“
Der zur moderaten Richtung der Sunniten gehörende Imam Prof. Ahmad Hemaya, der zuerst an der Sultan-Hasan-Moschee in Kairo wirkte und jetzt in den USA, sprach per Videobotschaft, weil er seine Anreise in letzter Minute wegen Visumsproblemen absagen mußte. Er schilderte die historische Rolle des Propheten Mohammed und seiner Nachfolger, der Kalifen, als Staatsoberhäupter, die persönlich gläubig waren, aber gleichzeitig ein Reich mit unterschiedlichsten Religionen und Kulturen regierten. Deshalb habe die islamische Welt schon sehr früh zivile Gesetze entwickelt, die die verschiedenen Glaubensgemeinschaften zusammenhielten, etwa indem sie Muslimen, Christen oder Juden jeweils ihre eigene Gerichtsbarkeit zugestanden. Der Imam bekannte sich zur Religionsfreiheit, indem er entsprechende Zitate aus dem Koran vortrug: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ und „So laßt gläubig sein, der will, und ungläubig sein, der will“. Daran hätten sich arabische Herrscher des Mittelalters in Syrien und in Spanien strikt gehalten. Ein israelischer Schriftsteller habe jüngst festgestellt, daß es in der Blütezeit der Mauren in Spanien keine Versuche gegeben habe, Christen oder Juden den muslimischen Glauben aufzuzwingen. Der arabische Frühling von 2010 habe Demokratie, Freiheit und ein besseres Leben ohne Korruption angestrebt. Die Enttäuschung über sein Scheitern und die Tatsache, daß sich die moderne Welt nicht darum gekümmert habe, „daß das syrische Volk blutete“, habe eine Minderheit von Arabern zur ISIS getrieben: „Ein Hoffnungsloser nimmt selbst die Hand des Teufels.“ Die Argumentation dieser Extremisten sei relativ einfach: „Die Welt haßt euch, und das Ganze passiert, weil ihr an eurer Identität als Muslime nicht festgehalten habt.“ Der Imam bezeichnete es als die Pflicht von Kirchen und Religionsführern, gemeinsam gegen Mißverständnisse und Vorurteile zu arbeiten.
Der ehemalige Diplomat Wolfgang Freiherr von Erffa, der Deutschland in großen islamischen Ländern wie Indonesien und Ägypten vertreten hat, beantwortete die Fragen des Publikums. Scharfe Kritik übte er an dem ehemaligen SPD-Innensenator von Berlin, Thilo Sarrazin, wegen dessen Buch „Feindliche Übernahme“. Es strotze von Fehlern, sei äußerst emotional und von der Ablehnung jeder Religion geprägt. So habe Sarrazin geschrieben: „Wissenschaftlich gesehen ist jede Religion nichts als ein Aberglaube, der von vielen Menschen geteilt wird.“ AfD-Parolen gegen muslimische Flüchtlinge in Bayern hielt Erffa eine zentrale Aussage aus dem biblischen Buch Levitikus entgegen, wonach man den Fremden wie Einheimische behandeln und wie sich selbst lieben solle, „denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“
Der serbisch-orthodoxe Theologe Prof. Davor Džalto, der in Rom Religionswissenschaften und Kunstgeschichte lehrt, beleuchtete vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise sowie der Reaktionen vieler Europäer darauf die Frage, wie weit Christsein „mit politischen Strukturen kompatibel ist und bis zu welchem Grad“. Darüber könne man besonders aus der Geschichte wie der aktuellen Situation der orthodoxen Christen lernen. Auf der Suche nach Identität hätten die verschiedenen Nationalkirchen vor allem die Abgrenzung von anderen angestrebt und Barrieren errichtet: „Wenn ich im Anderen nicht mein Paradies sehe, sondern eine Bedrohung für meinen Individualismus, wird er zur Hölle.“ Freiheit, Kreativität und Liebe seien für Christen nicht abstrakte Prinzipien, „sondern es geht um die Anerkennung jedes einzelnen Menschen als Ebenbild Gottes.“ Dies sei etwas, „das der zukünftigen Welt Substanz gibt“. Authentisches Christentum habe nie Stabilität auf Erden zum Ziel gehabt, sondern „Unsicherheit beinhaltet, die man beibehalten muß, um man selbst zu bleiben und bedingungslose Liebe zu bejahen.“ Die politische Sphäre sei die der Notwendigkeit, weshalb Christentum und christliche Theologie „nie in völliger Harmonie mit dieser Welt und ihrer Logik sein können.“ Deshalb gelte es skeptisch zu sein gegenüber Machtstrukturen, auch solchen kirchlichen Charakters. Džalto fragte: „In was für einer Art von Europa wollen wir leben?“, um die Antwort zu geben: In einem Europa, das sich um Leben und Freiheit aller Bürger kümmert und in allen Teilen der Welt für die gleichen Werte kämpft. Dazu gehöre vor allem Solidarität und Fürsorge der Reichen für die Schwächeren: „Wir dürfen nicht ganze Regionen in die Armut gleiten lassen.“
Der Kirchenhistoriker Prof. Lutz von Padberg aus Paderborn skizzierte den langen Prozeß der Christianisierung Europas von den frühen Märtyrern über die Konstantinische Wende im 4. Jahrhundert bis hin zum fränkischen Merowingerkönigs Chlodwig und zu Kaiser Karl dem Großen, den schon seine Zeitgenossen als „Vater Europas“ bezeichnet hätten. Von der Taufe Chlodwigs 498 bis zu der des litauischen Großfürsten Jagiello 1386 habe es etwa 900 Jahre gedauert, „bis europaweit dasselbe Glaubensbekenntnis gesprochen wurde.“ Die Religion sei, wie damals üblich, den Untertanen von ihren Herrschern einfach auferlegt worden, mit der Ausnahme Islands, wo eine „Vollversammlung ohne Herrschereinfluß“ sich 999 für den neuen Glauben entschieden habe. Der europaweite Aufbau kirchlicher Strukturen sei eine ungeheure Anstrengung gewesen, „von der Versorgung der Ortschaften mit Priestern und deren Ausstattung mit liturgischem Gerät über den Kirchenbau bis hin zur Gründung von Klöstern als Zentren der Klerikerausbildung. Dies wurde alles aus dem Nichts geschaffen.“ Erst im Gefolge der Glaubensspaltung und des Westfälischen Friedens habe es in Europa „einschneidende Säkularisierungseffekte gegeben“. Von Padberg schloß mit einer persönlichen Bemerkung: „Meiner Meinung nach kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, daß Europa sein Erscheinungsbild dem Christentum verdankt.“ Derzeit schwinde aber das Wissen darüber. „Ich halte dies für eine verhängnisvolle Entwicklung ... Europa braucht ein beständiges Fundament. Es braucht das Christentum und die Kirchen, allerdings nicht als Zeitgeist-Verstärker, sondern als Vermittler der christlichen Werte. Nur wenn wir uns wieder auf die Erfolgsgeschichte des christlichen Europa besinnen, können wir seine Werte auch überzeugend verteidigen!“
Pater Valentin Ziegler dankte als Vertreter des Klosters den Teilnehmern für ihr treues paneuropäisches Engagement. Nur ein starkes Europa könne Nationalismus, Abgrenzung und populistischen Thesen entgegentreten, „die letztlich Gewalt und Unterdrückung bringen“. Die Generation nach dem Krieg habe diesen Auftrag angenommen, der nur durch Versöhnung und Ausgleich möglich sei, „ein gemeinsames ernstes Ringen miteinander, das uns einander näher bringt, bei aller Verschiedenheit der europäischen Landstriche.“ Der Heilige Benedikt als Patron Europas und die Heiligen Hedwig und Elisabeth aus der in Andechs ansässigen, europaweit vernetzten Familie der Andechs-Meranier seien geeignet, den paneuropäischen Gedanken und die soziale Dimension aufleuchten zu lassen, ohne die es keinen Frieden und keine Freiheit geben könne.
Mit einem Festabend im Klostergasthof feierten die Paneuropäer, daß in Andechs in nunmehr 25 Jahren 50 Christliche Europatage der Paneuropa-Union in Partnerschaft mit dem Benediktinerkonvent stattfanden. Paneuropa-Präsident Bernd Posselt verlieh dem scheidenden Wirt Alexander Urban die Paneuropa-Verdienstmedaille.
Den sonntäglichen Festgottesdienst zu Ehren der Heiligen Hedwig hielt auf Bayerns Heiligem Berg der Abt von St. Bonifaz und Andechs, Dr. Johannes Eckert OSB. Dem schloß sich ein Diskussionsforum zum Thema „Glaubenslos Staat machen?“ an, das Paneuropa-Vizepräsident Dirk Hermann Voß moderierte. Ausgehend von der Aussage Jesu im Evangelium „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ brachte Voß die Kollisionsmöglichkeiten auf, die entstehen, wenn der Staat mit seinem Gewaltmonopol und die Religion als Forum der innersten Überzeugung in Konflikt geraten. Religion könne umstürzend und freiheitsschaffend wirken, wie im Fall des heute heiliggesprochenen Bischofs Romero – oder systemstabilisierend wie in Putins Rußland. Sie könne Menschenrechte und Lebensschutz einfordern, wie es der Papst dieser Tage scharf getan und damit sofort Kritik ausgelöst habe.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lenkte als ehemalige Bundesjustizministerin den inneren Blick auf das Grundgesetz. Dieses sei 1949 angesichts dessen, wie eine Merhheit gerade mit Menschen eines bestimmten Glaubens umgegangen war, sehr bewußt nicht laizistisch wie in Frankreich gestaltet worden, sondern „in einer Art hinkender Trennung“ von Staat und Kirche, die in bestimmten Beziehungen und Abhängigkeiten verblieben. „Damit sind wir ganz gut gefahren“. Artikel 4 formuliere die Freiheit, seinen Glauben oder sein weltanschauliches Bekenntnis frei leben zu dürfen. Das Grundgesetz solle „Kitt sein“, um trotz unterschiedliche Glaubens- und Wertvorstellungen miteinander leben zu können. Der Staat dürfe nicht eine Religion zur Grundlage nehmen, aber auch keinen Einfluß auf die inhaltliche Gestaltung einer Religionsgemeinschaft ausüben. Allerdings habe man nach den Anschlägen von 2011 die Möglichkeit geschaffen, religiöse Gruppierungen, die zu Angriffen aufforderten, zu verbieten. Die FDP-Politikerin wandte sich jedoch gegen die Instrumentalisierung einer Religion, um etwa den Mitbürgern muslimischen Glaubens die Demokratiefähigkeit abzusprechen. Spannungen wie im Fall von Kruzifix, Kopftuch oder Beschneidung sollten möglichst miteinander und nicht im Konflikt gelöst werden, um den Sensibilitäten aller Seiten gerecht zu werden.
Marian Offman, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, schilderte die tiefe Verbundenheit des Judentums mit dem Staat Israel, dessen Wiederherstellung neben der des Tempels und dem Frieden auf der ganzen Welt als Voraussetzung für das Kommen des Messias gelte. Am höchsten Feiertag Yom Kippur werde nach 24stündigem Fasten gesagt: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Zugleich werde aber auch bei jedem Gottesdienst am Sabbath nach Verlesung der Tora ein Segensspruch für die Oberhäupter des Staates gebetet, in dem man sich befinde. Er sei als Stadtrat in München tätig, wo es 500 000 Katholiken, 180 000 Evangelische, 120 000 Muslime und 10 000 Juden gebe, aber auch etwa 800 000 Konfessionslose. Als angesichts der Flüchtlinge die islamischen Gebetsräume in der Stadt nicht mehr ausreichten, habe er junge muslimische Leute unterstützt, „für drei Stunden am Freitag einen Betraum zu finden“, was nach großen Schwierigkeiten mit Hilfe einer Kirche und eines christlich orientierten Vereins gelungen sei. Zugleich gebe es auch etwa die neue Kölner Ditib-Moschee, die der türkischen Staatsräson folge. Der AfD warf er aus eigener Erfahrung Antisemitismus sowie „schlimme Agitation gegen eine Religion, nämlich den Islam“ vor. Mit Blick auf die Einzugsgebiete der AfD befand er, daß, „wo Religion noch ist, die Wahrscheinlichkeit, daß 1933-45 sich wiederholt, geringer ist“.
Der Landeskurator der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn, Gergely Prőhle, früher ungarischer Staatssekretär, meinte, daß die Christdemokratie und Parteien, die das C im Namen führten, nicht direkt mit theologischen Inhalten zu tun hätten. Es sei besser, das C als Grundlage einer Gesellschaftsordnung und einer Sicht darauf zu betrachten, die alle verbinde, die in diesem Kulturraum lebten. Die europäische Werteordnung bestehe aus der jüdisch-christlichen Tradition und den Werten der Aufklärung – „aus beidem!“ Deshalb könnten andere religiöse Gruppen nur mit Vorsicht integriert werden. In Deutschland und Österreich habe man, wie Max Frisch sage, „Arbeitskräfte eingeladen, aber es kamen Menschen“. Aber andere Länder und Landesteile, wie der Osten Deutschlands, hätten diese Erfahrung nicht gemacht, sodaß „ihre jüdisch-christliche Tradition unberührt geblieben sei“, wie Prőhle angesichts von vier Jahrzehnten kommunistischer Staatlichkeit in diesen Ländern recht gewagt behauptete. Er lobte die Moscheeverbote Ungarns und der Schweiz und hielt sie für Beispiele, Grundwerte nicht aufzugeben, und damit nicht für menschenrechtsverletzend, fand aber doch Respekt für das Islamgesetz der K.u.K. Monarchie aus dem Jahr 1913, das für die Muslime in Österreich-Ungarn die Glaubensausübung und geistliche Betreuung ermöglichte.
Joachim Unterländer, Vorsitzender des Sozialausschusses im Bayerischen Landtag, wies auf die Frage nach den christlichen Positionen seiner Partei, der CSU, sehr klar auf das Grundsatzprogramm. Dieses stelle eine Grundorientierung dar, allerdings könne man als Christ bei der Suche nach der richtigen Wirtschafts-, Sozial- oder Gesellschaftspolitik zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, was auch verschiedene päpstliche Erklärungen entschieden bestätigten. Deshalb sei christliche Politik in allen grundgesetzgemäßen Parteien zu finden. Auch innerhalb einer Volkspartei seien innere Abstimmungsprozesse nötig. Im Falle einer Koalition könne auch die Politik der eigenen Partei nicht mehr in Reinkultur durchgesetzt werden, weil man sich mit dem Koalitionspartner auf etwas Gemeinsames einigen müsse. Er selbst sei als Sozialpolitiker vom starken Anspruch geleitet, jedem ein der Menschenwürde entsprechendes Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. In seinem neuen Amt als Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern habe er eine Erneuerung des politischen Katholizismus im Auge und wolle sich für die Prinzipien der katholischen Soziallehre einsetzen.
Abt Johannes Eckert OSB lobte die Kirche in Deutschland, daß sie sich im Gegensatz zur ungarischen, polnischen oder slowakischen eindeutig für Menschen auf der Flucht positioniert habe und sie als Menschen anerkenne, die Hilfe brauchen und willkommen sind. Die Helferkreise kämen häufig aus katholischen oder evangelischen Pfarrgemeinden und seien von christlichem Engagement gespeist. Das Mönchtum sei immer eine innere Protestbewegung und eine gewisse Provokation für die säkularisierte Kirche gewesen. Bis heute bezögen die Orden keine Kirchensteuermittel, was ihnen eine gewisse Freiheit, aber auch eine ungute Abhängigkeit beschere. Im Sinn des von Papst Benedikt in Freiburg geprägten Wortes von der „Entweltlichung“ wünschte er sich von der Kirche, Leute, die keine Kirchensteuer zahlten, nicht mehr auszuschließen, und stellte ihr anheim, soziale Aufgaben, die eigentlich dem Staat zukämen – etwa das Führen einer Klinik, aus der mit der letzten Ordensfrau längst auch der christliche Gründergeist verschwunden sei - loszulassen.
Philipp Hildmann, Grundsatzreferent der Hanns-Seidel-Stiftung, meinte, er habe festgestellt, „daß ein Staat ohne Gott und kraftvolle Religiosität in der Gesellschaft sich nicht ausschließen.“ Er bewunderte das Forum Islam, das um seinen Glauben kämpfe, unter anderem mit sehr guter Jugendarbeit – während seine eigene evangelische Kirchengemeinde die Kindergottesdienste in den letzten Jahren um 70 Prozent zurückgefahren habe. Laut Böckenförde brauche die Gesellschaft einen gemeinsamen Ethos, um den Zusammenhalt zu wahren – „wo bleibt der, wenn die Quelle versiegt?“ Im östlichen Teil Deutschlands habe es in kommunistischer Zeit bereits einen Versuch gegeben, „glaubenslos Staat zu machen“ – die Ergebnisse seien heute sichtbar. Dabei machte er auch ein Versagen der Kirchen aus: Wer habe bei der von Eugen Biser so genannten „Gotteswende“ von 1989/1990 versucht, dort im geistlichen Sinn die Felder zu bestellen. Wenn das kulturelle Gedächtnis und der einigende Ethos fehlten, bröckle das Fundament, und dann kämen die Dämonen der Angst vor dem Fremden hervor, weil man sich seines Eigenen nicht mehr sicher sei. Er rief deshalb die Christen auf, an den Fundamenten zu arbeiten: „Dann werden wir auch als Kirchen wieder attraktiver.“
Der Theologieprofessor Veit Neumann stellte die These auf, daß der Weg der christlichen Religion nicht der Staat sei, sondern die Kultur. Die Infragestellung der vergesellschafteten Form von Religion in Deutschland nehme zu. Dies sei, von gewissen Entgleisungen abgesehen, zu begrüßen, denn die christliche Religion müsse sich als menschlich effektiv zeigen, als Annahme und Veredelung des Humanismus. Religion sei kein nachwachsender Rohstoff, sondern Ergebnis einer Kultivierung sowie Urgrund und Ausdruck von Kultur. Sie funktioniere nicht als Automatismus oder Hilfskonstruktionen staatlicher Macht. Seit der konstantinischen Wende sei die Kirche immer wieder problematische Allianzen mit anderen Institutionen eingegangen, „die das Christentum scheinbar mitgetragen haben“. Die Geschichte solcher Bündnisse gehöre zur Geschichte Europas und sei nicht immer das Schlechteste gewesen. Heute müsse aber die institutionalisierte Theologie in Form der diözesanen und Ordenshochschulen, ungeachtet ihrer schwierigen Lage zwischen Lehramt, Wissenschaft und gesellschaftlicher Notwendigkeit, einen Neuanfang des Christentums in Gesellschaft und Politik in Angriff nehmen: „Hier liegt ein Schatz, den wir heben sollten“. Besonders wichtig sei die Ausbildung von Sprech- und Sprachfähigkeit. Vorbilder könnten dabei die Vertreter des französischen Renouveau Catholique wie der Literaturnobelpreisträger Francois Maurillac und Georges Bernanos sein, die mit den Möglichkeiten der Schriftstellerei versucht hätten, in solche Leerstellen hineinzustoßen.
Paneuropa-Pressestelle
Programm (DE) (PDF)