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Internationale Paneuropa-Union

Hoffnung für Afrika?

Der 48. Andechser Europatag der Paneuropa-Union Deutschland, der am 14./15. Oktober 2017 stattfand, behandelte die Hauptfrage: „Hoffnung für Afrika?“.

Präsident der Paneuropa-Union Deutschland Bernd Posselt rief dazu auf, die vom europäischen Kolonialismus auf den Nachbarkontinent exportierte Struktur künstlicher zentralistischer Nationalstaaten zugunsten historisch gewachsener regionaler Identitäten und Volksgruppen zu relativieren, aber gleichzeitig auch übernationale Gemeinschaften zu schaffen, etwa eine west-, süd- oder gesamtafrikanische Föderation.

Als „unverantwortlich“ kritisierte Posselt die gegen die Vereinten Nationen gerichtete Politik von US-Präsident Donald Trump. Jedes noch so schwache internationale Recht sei besser als Willkür und Zerrüttung. Die vorkoloniale Staatlichkeit Afrikas sei von Personenverbands-Staaten geprägt gewesen, wie sie Europa im Mittelalter kannte und wie sie in der modernen Bürgergesellschaft mit übernationalen Institutionen wiederkehren könnten.

Der zentralistische Nationalstaat stecke derzeit, zum Beispiel in Großbritannien oder in Spanien, in einer schweren Krise und schädige außerdem die lebenswichtige europäische Einigung. In Afrika sei er eine wesentliche Ursache für Kriege und Vertreibungen, da man wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg versuche, durch so genannte ethnische Säuberungen die Menschen den Grenzen anzupassen, statt eine föderalistische Ordnung zu errichten, die allen Volksgruppen gerecht werde. Obwohl sich für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas erfreuliche Ansätze abzeichneten, könnten diese nicht tragen, wenn es nicht Rechtstaatlichkeit und persönliche Freiheit gebe.

Europa sei nicht nur eine frühere Kolonialmacht mit Fehlern und Verbrechen, sondern habe für Afrika viel Positives zu bieten. Umgekehrt sei Afrika nicht nur gezeichnet von fragwürdigen Regimen, Krieg, Flucht und Vertreibung, sondern es sei auch ein Kontinent der Hoffnung für Europa. Voraussetzung sei, mit Respekt und auf Augenhöhe miteinander zu verkehren. Auf Dauer könne es kein glückliches Europa ohne ein glückliches Afrika und kein glückliches Afrika ohne ein glückliches Europa geben.

Der Leiter der Abteilung „Afrika südlich der Sahara“ im „Museum Fünf Kontinente“ in München, Dr. Stefan Eisenhofer, schilderte die kulturelle Vielfalt Afrikas mit seinen 54 Ländern und rund 2000 Sprachen, die sich stärker unterschieden als alle europäischen. Dieselbe Unterschiedlichkeit finde sich in Kunst, Handwerk, religiösen Traditionen und Weltsichten. Bis zur Eroberung durch Araber und dann Europäer, die aus dem Norden die Schrift gebracht hätten, sei Afrika ein visueller und akustischer Kontinent gewesen. Entgegen europäischer Vorstellung sei die afrikanische Kunst nicht nur Volkskunst, es gebe hoch spezialisierte Handwerker, die ihre Aufträge von den historischen Führungsschichten, traditionellen religiösen Stellen und, als es diese so nicht mehr gab, auch von Missionaren erhalten hätten. Solche Stücke würden heute in Museen meist ohne Nennung des Künstlers gezeigt, weil diese vielfach ihren Namen nicht in den Mittelpunkt gestellt, sondern ihre Erzeugnisse als Gemeinschaftsleistung mit ihren Ahnen und ihrer Umwelt gesehen hätten. Durch Forschungen lasse sich aber heute vielfach ihre Identität feststellen.

Die Kunst diente der Bewältigung des irdischen und des überirdischen Lebens. Ihre Zentren lagen in mächtigen Königreichen mit großer Ausdehnung, etwa Benin in Westafrika. Der Herrscher von Benin trage den Namen „menschlicher Leopard“, denn dieses Raubtier, schneller und tödlicher als der Löwe, symbolisiere das Herr-Sein über Leben und Tod. Bronze aus Böhmen sei in den westafrikanischen Reichen schon im 15. Jahrhundert zu Rechtecken verarbeitet worden, die ihrerseits von europäischen Büchern oder indischen Miniaturen inspiriert waren. Elfenbeinschnitzer verzierten ihre Werke auch mit Abbildungen von Portugiesenköpfen. Die Könige von Benin und Kongo wurden katholisch und führten Briefwechsel mit ihrem portugiesischen Kollegen über Theologie und Feuerwaffen.

Der hessische Europaabgeordnete Michael Gahler, europäischer Co-Vorsitzender der gemischten Delegation Europaparlament/Panafrikanisches Parlament und Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland, berichtete von den Verteidigungsstrukturen, die Europäer und Afrikaner in den letzten Jahren gemeinsam geschaffen hätten. Die wichtigsten Partner für die EU-Sicherheitspolitik seien der Afrikanische Friedens- und Sicherheitsrat, die Afrikanische Bereitschaftstruppe und der Friedensfonds, der für sieben Jahre der Finanziellen Vorausschau mit etwas über 30 Milliarden Euro für alle AKP-Staaten (Afrika-Karibik-Pazifik) außer Nordafrika eingerichtet worden sei. Dies sei allerdings nicht allzu viel, zumal manche Zahler säumig blieben. Zu Beginn dieses Jahres sei Marokko der Afrikanischen Union beigetreten, die zwar Mitgliedstaaten-lastig sei, aber mit der Aufnahme des nordafrikanischen Königreiches nunmehr endlich den ganzen Kontinent umfasse. Gahler informierte über die drei Trainingsmissionen in Mali, der Zentralafrikanischen Republik und Somalia. Ausführlich ging er auf die instabile Lage im Herzen und im Norden des afrikanischen Kontinents ein. In Zentralafrika seien vor allem die Transportkapazitäten der Europäer gefragt gewesen. Im Kongo gehe es nach vielen kriegerischen Auseinandersetzungen darum, die Polizei, das frühere Militär und die ehemaligen Rebellen zusammenzuführen. Dies habe in Südafrika funktioniert, weil man die Mannschaften und Offiziere anständig bezahlt habe und der regierende ANC nicht entlang der Stammeslinien organisiert sei. Nordafrika habe mit Terrorismus und dem Flüchtlingsproblem zu kämpfen. Während sich Marokko im Rahmen des Möglichen bemühe, den Flüchtlingen einen zeitweiligen Aufenthalt zu gewährleisten, sei die Lage in Algerien schon schwieriger und in Libyen mangels staatlicher Strukturen katastrophal, so der Sicherheitspolitische Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament. Der Friedensfonds werde vor allem für Repatriierungen genutzt und stoße Investitionen an, auch private. Gahler lenkte die Aufmerksamkeit auf den EU-Gipfel mit der Afrikanischen Union Ende November in Abidjan. Das Europäische Parlament habe dazu einen Vorentwurf erarbeitet, „denn zum Wursteln ist die Zeit eigentlich vorbei, auch gegenüber Afrika.“

Der aus Äthiopien stammende Politologe und Migrationsexperte Prof. Belachew Gebrewold vom Management Center Innsbruck rief dazu auf, die Interessen beider Kontinente in der Flüchtlingsfrage besser miteinander zu koordinieren. Die Europäische Sicherheitsstrategie habe fünf Hauptbedrohungen definiert, die zu einem großen Teil auch Afrika beträfen: Terrorismus, Massenvernichtungswaffen, Staatszerfall, organisierte Kriminalität und regionale Konflikte, die auf Nachbarstaaten überschwappen könnten. Zwischen den politischen Zielen der Europäer und denen der Afrikaner machte Gebrewold jedoch ein Ungleichgewicht aus. Migrationspolitik sei eine Priorität für die Europäer, nicht für die Afrikaner. Auch die Idee einer Bekämpfung der Fluchtursachen müsse kritisch unter die Lupe genommen werden, denn außer in Syrien habe sich die Lage in kaum einem der Herkunftsländer in den letzten zwei bis drei Jahren signifikant verschlechtert. Gebrewold betonte, daß die Probleme Afrikas mit Nächstenliebe oder einer Erhöhung der Entwicklungshilfe allein nicht zu lösen seien. Wichtiger sei der Glaube an Würde und Gleichheit und an eine sich daraus entwickelnde wirtschaftliche Eigendynamik. Ständige Schuldzuweisungen an die Europäer seien nicht geeignet, weiterzuhelfen, denn „seit der Dekolonisierung sind wir selbst verantwortlich.“ Das einseitige Negativ-Bild vieler Europäer von Afrika führe ebenfalls in die Irre. Die Situation in vielen afrikanischen Ländern sei erheblich besser als in europäischen Medien dargestellt: „In meinen Artikeln streichen die Journalisten positive Erkenntnisse weg. Man will sie nicht hören und fokussiert sich auf Katastrophen.“ Eine existentielle Herausforderung bleibe aber der Klimawandel. Hier gebe es eine weltweite gemeinsame Verantwortung, die auch die Tatsache belege, daß 2007 die EU-Strategie für Afrika in eine EU-Afrika-Strategie umgewandelt worden sei, man also nicht mehr „für“ Afrika arbeite, sondern einen gemeinsamenWeg suche.

Der steirische Afrika-Autor Hans Stoisser, Experte für institutionelle Infrastrukturen, kritisierte die Angst vor Afrika als dem „Kontinent der Katastrophen“. Vielmehr entstehe dort eine neue Dynamik, von der Europa abgehängt zu werden drohe, wenn es die Zusammenarbeit mit den südlichen Nachbarn vernachlässige. Die neue afrikanische Generation sei jung, pünktlich und strukturiert, sie teile mit der entsprechenden Generation in Europa über Satelliten-TV, Internet und Mobiltelefon gemeinsame Erfahrungen. Die neue afrikanische Mittelschicht umfasse drei bis vier Millionen Menschen, „die eingeloggt sind in die globale Wissensgesellschaft“. 2030 dürften es, so Stoisser, eine Milliarde Leute sein, „mit den gleichen Interessen wie wir alle, nämlich Freiheit, Wohlstand, Sicherheit und Sinnerfüllung.“ Die Wirtschaftsleistung Subsahara-Afrikas, wo noch die meisten Armen lebten, habe sich zwischen den Jahren 2000 und 2015 verdreifacht, bei gleichzeitiger Verdoppelung des Pro-Kopf-Einkommens. China habe sich in Afrika eine führende Stellung erkämpft, indem es sich gegen den Aufbau von Infrastruktur, den Zugang zu den dortigen Rohstoffmärkten gesichert habe. 900 Unternehmen aus Deutschland stünden in Afrika 10 000 chinesische Unternehmen gegenüber. An der chinesischen Politik und Wirtschaft sei vieles zu kritisieren, etwa in Punkto Qualität und Menschenrechte. Peking werde aber die endgültige Industrialisierung Afrikas einleiten, weshalb es die Europäer schaffen müßten, gleichzeitig ihre besseren Standards zu wahren und konkurrenzfähig zu werden.

Der Cellerar von Kloster Andechs, Pater Valentin Ziegler OSB, rief die Teilnehmer aus 17 Nationen auf, den europäischen Gedanken, der nach dem Krieg zu größerem Zusammenhalt und Einheit geführt habe, gemeinsam mit Afrika weiterzubringen und dabei „zutiefst Lernende“ zu bleiben, damit auch die vielen Gaben Afrikas der Welt erschlossen würden. Die Heilige Schrift verweise immer wieder auf die Situation des Fremden und lade den Menschen ein, in Freiheit darauf zu antworten. Ausgrenzung und Spaltung seien nicht „des Rätsels Lösung“. Zeugnis für Christus sei es, sich in seiner Nachfolge für andere einzusetzen. Der Mensch dürfe nicht auf der Strecke bleiben und zum Wirtschaftsfaktor verkommen. Ziegler warnte in diesem Zusammenhang auch vor der Verrohung der Sprache.

Das abschließende Abendessen im Klostergasthof von Paneuropa-Wirt Alexander Urban wurde eingeleitet von einem Konzert der Gruppe „Jant Bi“ aus dem Senegal. Die sechs jungen Männer, die mit Trommeln, Tanz und Gesang afrikanische Stimmung vermittelten und mit ihren gelben, rot und blau gemusterten Gewändern die Farben der Paneuropa-Fahne aufnahmen, leben als Asylbewerber in Otterfing. Doris Theodosiadis vom dortigen Helferkreis moderierte ihren Auftritt.

Der Festgottesdienst zu Ehren der Heiligen Hedwig in der Wallfahrtskirche zelebrierte bei strahlendem Oktoberwetter der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion arbeiteten die Teilnehmer unter der Moderation des internationalen Paneuropa-Vizepräsidenten Dirk H. Voß Hoffnungen für Afrika heraus. Voß betonte, Afrika sei aus europäischer Sicht ein Nachbar, nur durch den „Binnensee“ Mittelmeer von uns getrennt;„und wenn es meinem Nachbarn schlecht geht, bei ihm eingebrochen wird oder er Streit mit seiner Frau hat, geht mich das unmittelbar an.“ Die Flüchtlingsfrage erscheine als Folge von Versäumnissen wirtschaftlicher, politischer, militärischer oder friedenspolitischer Art in den letzten 30 bis 50 Jahren. Heute müsse Europa in einer Art „Frieden der Tapferen“ lernen, auf die Stimme Afrikas zu hören, und sei im Geist der europäischen Einigung in besonderer Weise berufen, ein Partner Afrikas sein, wo es ja wiederum panafrikanische Vorstöße gebe.

Erzbischof Eterović nannte als Grund zur Hoffnung für Afrika auch die Präsenz der katholischen Kirche, die in jedem Land, wenn auch in Nordafrika eher in einer Minderheitensituation, das Evangelium verkünde und soziale Strukturen und Dienste anbiete, so katholische Schulen, aus denen viele der führenden Politiker hervorgegangen seien, das Graben von Brunnen oder die Arbeit in nationalen Versöhnungskommissionen etwa in Kongo und Benin. Das Christentum sei von alters her mit Afrika verbunden; Jesus Christus habe als Kind in Ägypten eine zweite Heimat gefunden. Nordafrika sei einst christlich gewesen, die alte und bedeutende Koptische Kirche, mit der der Vatikan enge Beziehungen pflege, bezeuge in Ägypten, Äthiopien und Eritrea, daß das Christentum nicht erst mit der Kolonisierung gekommen sei. In der Gegenwart finde eine Öffnung der afrikanischen Menschen für das Christentum statt, was er selbst als Nuntius in Elfenbeinküste, Niger und Obervolta erlebt habe. Die von ihm organisierte vatikanische Afrikasynode sei eine „prophetische Initiative“ von Papst Johannes Paul II. gewesen, der den afrikanischen Kontinent als Einheit wie Europa oder Amerika gesehen habe.

Pater Florian Prinz von Bayern, der seit Jahrzehnten als Missionsbenediktiner von St. Ottilien in Kenia arbeitet, bestätigte, daß die Bildung das Fundament für Entwicklung in Afrika sei. „Kinder gibt es in der Gesellschaft nur 15 oder 20 Prozent – aber sie sind hundert Prozent der Zukunft! Wenn wir uns um sie nicht kümmern, kümmern wir uns nicht um die Zukunft.“ Die Bildungssysteme in den meisten Ländern Afrikas seien aber aus der Kolonialzeit übernommen und seither wenig adaptiert worden. Eine solche Adaptation versuche er mit dem von ihm entwickelten Schulsystem INES zu erreichen, das den nomadischen Dasnesch eine auf ihre Lebenssituation zugeschnittene Bildung ermöglichen solle. Nicht zuletzt lebe Demokratie, wenn sie nicht nur Diktatur der Mehrheit sein solle, von Rechtstaatlichkeit und Bildung. Kritisch äußerte sich der Pater zu den Entwicklungsministerien in Europa, denen echte Partnerschaft oft noch fremd sei, „weshalb zum Beispiel unsere Projekte durch den Rost fallen.“ Seine Organisation stelle Augenhöhe dadurch her, „daß wir zu manchen Vorgaben aus Deutschland auch einmal Nein sagen.“

Der griechisch-katholische Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer sah „durch die Flüchtlinge Hoffnung für Europa“. Der ehemalige Flüchtlingsseelsorger der Diözese Eichstätt, der auf große ökumenische Erfahrung, auch mit den Kopten, zurückblickt und das Collegium Orientale in Eichstätt gegründet hat, warnte vor dem „Dünkel, wir seien der Nabel der Welt.“ Die Kirche sei seit dem ersten Pfingstfest immer auf dem Weg – „semper migranda“ – , und wer das angesichts der Flüchtlinge heute aus den Augen verliere, verliere die Katholizität. Er habe vor allem mit Afrikanern aus Somalia, Nigeria, Kenia und Eritrea zu tun. Letztere hätten bereits eine große Gemeinde in Eichstätt und demnächst auch ein Pfarrzentrum in Nürnberg. Die Mehrheit seien aber Moslems. Er bedauere, daß die von der AfD aufgeworfenen Fragen nicht rechtzeitig beantwortet worden seien, sodaß Sorgen wie Wohnungsnot oder unsichere Altersversorgung von vielen Wählern auf die Flüchtlinge bezogen würden. „Wir werden von den Flüchtlingen lernen und Bereicherung erfahren. Wir sind ein sterbender Kontinent und haben die Potenz, viele aufzunehmen.“ Dies sage er als Praktiker im vollen Bewußtsein seiner Verantwortung. „Das alte Testament sagt: Versuch sie zu lieben, und du wirst durch sie noch besser leben.“

Claude Kalume Mukadi aus der Demokratischen Republik Kongo, Gründer der Bell Amani Friedensstiftung und Prinz von Abomey, erzählte von einem Treffen afrikanischer Menschen aus Europa und der ganzen Welt in Togo: „Dort werden sie als Diaspora bezeichnet. In der europäischen und deutschen Politik kommen sie nie zu Wort.“ Wenn in der europäisch-afrikanischen Zusammenarbeit ständig von einem „Dialog auf Augenhöhe“ die Rede sei, müsse man die Frage aufwerfen, wer eigentlich die Augenhöhe bestimme. Kritisch ging er auch mit dem Thema Korruption um: „Dazu gehören immer zwei, und die Konten der größten Korruptionisten in Afrika sind in Europa.“ Zwischen Europäern und Afrikanern gebe es nach wie vor sehr viel Unverständnis und sehr viele Mißverständnisse, „weshalb es entscheidend ist, daß wir ganz konkret an einem gemeinsamen Denken und einer gemeinsamen Sprache, die dem Ausdruck verleiht, arbeiten.“ Mukadi lobte den derzeitigen Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit Gerd Müller, stellte aber die Tradition des Ministeriums an sich in Frage. Dieses sei 1962 gegründet worden, habe viele gute Ressortchefs gehabt und viel Geld ausgegeben. „Wie kommt es dann, daß junge Afrikaner, um Zukunftsperspektiven zu suchen, bereit sind, sich auf größte Gefahren einzulassen, um sie hier zu suchen und nicht in Afrika?“

Die Vorsitzende der Aktion PiT – Togohilfe e.V., Margret Kopp, berichtete über ihr 35jähriges Engagement in Togo. Die ehemals deutsche, dann französische Kolonie vereinige auf einem Gebiet, das kleiner als Bayern sei, über 40 Stämme – „echte Völker mit unterschiedlichen Sprachen, Traditionen, Lebensgewohnheiten und Jahresabläufen“. Die zufällig gezogene Linealgrenze trenne die meisten von ihnen von ihrem Stamm im jeweiligen Nachbarland; mit dem Staat Togo könnten sie sich schwer identifizieren. Auf diese Situation ließen sich europäische Demokratievorstellungen nicht übertragen. Margret Kopp rief daher die Politikwissenschaftler auf, eine dem angepaßte Demokratieform zu entwickeln. Ähnlich vielfältig sei die Religionslandschaft, von Katholiken, Protestanten und Sekten über den Islam und Naturreligionen bis zum Vodoo-Kult. Das gestalte das Zusammenleben schwierig, schaffe aber auch Modelle dafür, „wie man miteinander auskommen kann.“ Togo sei sehr arm, es fehle an Bodenschätzen und Wertschöpfung. 80 Prozent der Bevölkerung lebten von ihren Feldern, für Handel gebe es weder Kaufkraft noch Infrastruktur. Ein großes Potential sei jedoch der Kinderreichtum – „50 Prozent sind unter 18! Und wollen was lernen und was machen.“ Eine kleine Schicht von gut ausgebildeten Leuten sei ebenfalls zum Handeln bereit, etwa in Europa perfekt ausgebildete Ärzte, die mit etwas Unterstützung daran arbeiten, auch am Land, wo es keine medizinische Versorgung gibt, Grundvoraussetzungen für ein Gesundheitssystem zu schaffen.

Der Politikberater Dr. Domingos Luvumbo von der Gemeinschaft der Angolaner in München wies darauf hin, daß sein Herkunftsland sowohl von den Bodenschätzen her als auch landwirtschaftlich zu den reichsten Staaten der Erde gehöre, aber durch Jahrzehnte des Kommunismus und der aus ihm hervorgegangenen heutigen Milliardärsschicht – die Hauptstadt Luanda sei heute die teuerste Metropole der Welt – ruiniert worden sei. Trotzdem stelle Angola immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft Afrikas dar und besitze ein gewaltiges Potential, das für den ganzen Kontinent und gerade auch für dessen ärmste Regionen genutzt werden könne. Voraussetzung sei die Schaffung interafrikanischer Strategien und Strukturen. Da die portugiesische Kolonialherrschaft keinen Rassismus gekannt habe und stark versucht habe, die verschiedenen Hautfarben und Gruppen zu integrieren, gebe es in Angola keinen Tribalismus. Die meisten Afrikaner seien sehr heimatliebend. So habe er seinen Neffen durch München geführt und ihn dann gefragt, ob er hier einmal leben wolle. Die Antwort sei ein klares Nein gewesen: „Mein Land ist das Paradies!“ Massenemigration sei also kein unabwendbares Schicksal.

Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer nannte Afrika „Europas Schicksals-Nachbarkontinent“. Er sprach sich vehement für eine stärkere europäische Gemeinsamkeit in der Afrika-Politik aus, in der Europa nur als Ganzes wirklich etwas bewegen könne. Singhammer nannte als Voraussetzungen für das Aufblühen des afrikanischen Kontinents Frieden, gute Regierungsführung, den Abbau von Zöllen zwischen Europa und Afrika sowie äußere und innere Sicherheit. Mit Blick auf das Zollproblem wies er darauf hin, daß Ananas zwar in Europa kaum wachsen, aber dennoch mit hohen Steuern belegt würden, die dem EU-Haushalt kaum etwas brächten, durch die aber das Geschäft für den afrikanischen Bauern unrentabel werde. Dafür wende man dann umgekehrt Steuergelder auf, um in Afrika Entwicklungshilfe zu leisten. Der CSU-Politiker plädierte für ein möglichst rasches Ende der bisherigen Entwicklungspolitik und stattdessen für eine echte wirtschaftliche Zusammenarbeit durch fairen Handel. Austausch zwischen den Kontinenten und ihren Menschen sei dringend notwendig, während eine einseitige Migrationsbewegung auf Dauer beiden Seiten schwere Schäden zufüge.

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